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Freitag, 11. September 2026

{Rezension} Die Inseln des Guten und Bösen ~ Adwin de Kluyver


Die Inseln des Guten und Bösen: Von Utopien, Experimenten und Revolten, die es auf dem Festland nie gegeben hätte || Adwin de Kluyver || übersetzt aus dem Niederländischen von
Bärbel Jänicke 
|| mare Verlag || Sachbuch || eBook || 400 Seiten || 1/1

Inseln eignen sich perfekt, um Utopien zu verwirklichen, größenwahnsinnige Pläne zu erproben oder der Fantasie freien Lauf zu lassen. Sie bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor und waren von jeher Schauplatz für Natur- und Sozialexperimente. In einer fesselnden Mischung aus Kulturgeschichte und Reisebericht erzählt Adwin de Kluyver von Aristoteles’ Naturforschung als Flüchtling auf Lesbos, George de Psalmanazars Hochstaplergeschichten über barbarische Sitten auf Formosa, Wernher von Brauns Raketentests auf Usedom, einer eigenen Expedition nach Spitzbergen, die fast am Klimawandel scheitert, oder von der nachhaltigsten Insel der Welt. Der Autor nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise von den Galápagosinseln bis zum dänischen Samsø – voller weiter Ausblicke, Einblicke in die Vergangenheit und Visionen der Zukunft.


Beim mare Programm muss ich mich ja sowieso immer zusammenreißen, nicht einfach ALLES lesen zu wollen - als ich diesen Titel in der Vorschau sah, wusste ich jedoch, dass ich um in nicht herumkommen würde; Seefahrt und Geschichte, Reisen und Politik, Expeditionen und Fiktion... das musste ich einfach lesen 😎


Und wurde wahrlich nicht enttäuscht! Adwin de Kluyver liefert von der ersten Seite an - meist mit kurzen Berichten, teilweise aber auch ausführlichen Erzählungen. Und was für eine Vielfalt an Geschichten er da auftischt! Wie ein Krimi liest sich, was sich auf Floreana zutrug, ich habe Judasziegen und Sprühinseln kennengelernt, herausgefunden, dass George Orwell 1984 auf einer abgelegenen schottischen Insel schrieb und vom desaströsen Filmdreh auf Cape Tribulation erfahren. 

Und ja, Inseln haben furchtbare Geschichten zu erzählen; vom Auslöschen der Palawa auf Tasmanien, Forschung an atomaren und biologischen Waffen, Kindsmissbrauch auf Pitcairn, Gewaltherrschaften wie auf Clipperton oder Gefängnissen (Robben Island, Isabella, Spike Island...) und Verschmutzung, etwa die Müllinsel Thilafushi - aber sie waren auch immer utopische Projektionsfläche und Versuchslaboratorien; ob als liberale Strafvollzugssysteme wie auf Bastøy, Nachhaltigkeitsvorreiterin Samsø oder futuristische Wohnkonzepte im, auf und unter dem Ozean. 

Faszinierend fand ich auch die Inseln, die es nie gab oder nicht mehr; wie die Datumsgrenze Streitigkeiten auslöste und wie mit Naturkastrophen umgegangen wird - Rettung eines isländischen Hafens oder Rückkehr nach Tristan da Cunha. Ihr seht: Zeitlich, geographisch und inhaltlich trägt dieses Buch die unterschiedlichsten Geschichten zusammen und da ist definitiv noch Potential für eine Fortsetzung; Ferdinandea, St. Helena, Isle of Man, Kiribati und Chagosarchipel grüßen...

Nach welchen Kriterien die Inseln in die einzelnen Kapitel oder Isolarien, wie de Kluyver sie nennt, sortiert wurden, erschloss sich mir nicht - pro Isolario gab es eine ausführlichere Geschichte und etliche Kurzeinträge, stets mit Position in Längen- und Breitengraden; oft bebildert oder mit Karten versehen. Hier hätte ich mich über eine Gesamtweltkarte aller vorgestellten Inseln gefreut; allein schon, um mir nach Lektüreende nochmal alle Geschichten in Erinnerung zu rufen und sie auch geographisch zu verorten...

»Die Insel beschwört ein Versprechen von Reisen und Abenteuer herauf. Inseln bieten ein Niemandsland, das nach Belieben gefüllt werden kann. Das gilt auch für Erwachsene. Denn Inseln eignen sich hervorragend für Träume von Vollkommenheit: von der Vollkommenheit eines begrenzten Raums, der Vollkommenheit eines beschaulichen Lebens in Abgeschiedenheit, der Vollkommenheit des Besitzes eines eigenen abgegrenzten Stückchens Land.«  

Mir hat das Buch auf jeden Fall viel Lesefreude beschert und auch einiges an neuem Wissen vermittelt; von Sealand und Rockall hatte ich im Studium schon gehört, von den Atomtests im Bikiniatoll, dem Konzentrationslager auf Shark Island, Seasteading sowie der missglückten Venustransitbeobachtung auf Campbell Island ebenfalls gewusst - sonst war mir jedoch fast jede Geschichte neu und dass sowohl Tycho Brahe als auch sein Elch (ja, sein Elch!) an den Folgen von Banketts starben, wird mein neuer Lieblingsfunfact 😅 Und jetzt muss ich erstmal überlegen, welche acht Musiktitel ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde...


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[5/5] Bei einem eBook gibt es nicht so viel Innengestaltung; dass es Karten und Abbildungen gab, holte mich jedoch ab und ich liebe auch das Cover.


VIELEN DANK AN MARE FÜR DAS REZENSIONSEXEMPLAR

Lohnenswerte Inselgeschichten, die sich gut zwischendurch aber auch voller Faszination in einem Rutsch lesen lassen - ich habe einiges dazugelernt und von Orten erfahren, die mir vorher nicht geläufig waren.

interessant  ~ vielfältig ~ kurzweilig

Die klassische Frage - ihr strandet auf einer einsamen Insel und könnt mitnehmen: Acht Musiktitel. Welche? Und habt ihr eine Lieblingsinsel(geschichte)?


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