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Samstag, 7. November 2026

{Rezension} Haltet euch fest ~ Mareike Fallwickl

Haltet euch fest || Mareike Fallwickl || rowohlt Hundert Augen || Roman || eBook || 432 Seiten

Luzia wächst in einer Gemeinschaft auf, die für ganz unterschiedliche Menschen eine Zuflucht bietet. Im Haus werden queere und platonische Formen von Liebe sowie geteilte Elternschaft gelebt. Später, als Erwachsene, kämpft Luzia als Theaterregisseurin gegen patriarchale Strukturen an und versucht, etwas zum Guten zu verändern. Ihre Jugendfreundin Marle verspürt mit Anfang vierzig einen starken Kinderwunsch und entscheidet sich für einen ungewöhnlichen Weg abseits von Beziehungen mit Männern. Doch plötzlich, nach einem verheerenden Unwetter, scheint alles bedroht, was diese Wahlfamilie über Jahrzehnte miteinander aufgebaut hat. Was braucht es, damit eine solche Gemeinschaft in Zeiten wie diesen bestehen kann?


Oh, ich glaube, ich habe eine Autorin gefunden, von der ich künftig einfach blind alle Neuveröffentlichungen lesen werde...


... denn genauso bin ich zu "Haltet euch fest gekommen" - gesehen, dass Mareike Fallwickl was Neues rausbringt und direkt gewusst: Will ich lesen. Müsst ihr lesen!

Denn wow, was für ein Fest der Freundinnenschaft! Hatten mich bei Und alle so still schon die Solidarität und Gespräche zwischen Frauen begeistert, ist hier noch so viel mehr Platz für Liebe, Zuneigung und Miteinander - und ja, es geht auch um Verlust und Trauer und all' die schwierigen Momente im Leben; für mich stand aber ganz klar diese Wärme und Zugeneigtheit im Vordergrund und es war wundervoll, so viel queere Repräsentanz zu haben, andere Formen des Zusammenlebens und Kümmerns.

Zudem hat mir dieses Buch wieder gezeigt, warum ich mittlerweile so gerne, bewusst und häufig zu Büchern von und über Frauen greife - es gab so viele kleine Situationen und Momente, bei denen ich genau wusste, wie sich das anfühlt und konnte mich wohl und verstanden fühlen zwischen den Buchdeckeln. Das halbe Buch besteht gefühlt als Markierungen und meinem "ja, das!"-Anmerkungen😁Mit einem female gaze lässt uns Mareike Fallwickl nah an ihren Figuren sein, durchaus auch ihre Ecken und Kanten sehen, aber dabei wohlwollend und selbstbestimmt.

»[...] mein Leben ist nicht männerlos und auch nicht männerfrei, diese Begriffe bezeichnen das, was nicht da ist, worauf ich mich eurer Meinung nach aber ausrichten sollte. Mein Leben ist freundinnenvoll, spaßvoll, liebevoll, lustvoll, es ist erfolgreich und erlebnisreich, in meinem Leben hat unendlich viel Schönes Platz.«  

Anfangs hatte ich Sorge ob der vielen Zeitsprünge und Perspektivwechsel; konnte mich dann aber doch schnell einlesen und mich auf die unterschiedlichen Altersklassen einlassen - genauso wie auf gelegentliche Worte und Formulierungen, die eindeutig aus dem Österreichischen stammen. 😅 Wie gewohnt verschont Fallwickl uns auch nicht vor dem Patriarchat; webt Statistiken wie Gegenargumente gekonnt in Dialoge und Szenen ein, lässt ihre Figuren einiges durchleiden und mich als Leserin mitfiebern, -wüten und -trauern. Nach Büchern, in denen Wut und Erschöpfung im Vordergrund stehen, hat die Autorin mit diesem jedoch eines geschrieben, das Zuversicht und Wärme vermittelt. Denn während alle Theaterszenen so in echt passiert sind, ist die Kinderwunschbehandlung (in Österreich) so noch nicht möglich, wie ich im Nachwort lesen konnte.

»Aber manchmal gibt es Momente im Leben, wo wir allein nicht weiterkommen, und das ist in Ordnung. Denn was tun wir, wenn das passiert? [...] Was tun wir dann?« Luzia erwidert den Blick. »Dann suchen wir uns Verbündete«, flüstert sie.

Gleichzeitig bleibt das Buch ehrlich; keine naive Utopie sondern zeigt auch: Keine Beziehung ist je perfekt, denn wir Menschen sind es ja auch nicht. Egal wie progressiv; es wird immer Konflikte und Auseinandersetzungen geben, Prioritäten und Wünsche ändern sich und ein gutes Miteinander braucht vor allem viel Kommunikation und den Willen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es gibt keine "Hierarchie der Beziehungen" und kein feststehendes universelles Lebensendziel. Es lebe die Vielfalt!


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[3/5] Ich mag die Farben, aber viel zu sehen ist nicht auf dem Cover - passt aber zumindest stilistisch zu anderen Büchern Fallwickls und die Hausthematik wird ja auch aufgegriffen. Den Titel finde ich dafür ganz wundervoll ♥


VIELEN DANK AN NETGALLEY FÜR DAS REZENSIONSEXEMPLAR

Für mich ist dieses Buch wie ein Gegenentwurf, nein warum eigentlich eine Antithese daraus machen; ein Vorschlag dazu, wie wir Freundinnenschaft, Liebe, Elternschaft, Care-Arbeit und Pflege denken und leben können - eine Art hoffnungsvolle Flucht aus der Realität, in der antifeministische Tendenzen, und konservatives Gedankengut wieder zunehmen; schön zu lesen, ermutigend und wie eine warme Umarmung.


queer ~ feelgood ~ empowernd

Könnt ihr mir Bücher empfehlen, in denen es um Freund*innenschaft (statt romatischer Beziehungen) geht? Und bei welchem Buch habt ihr euch zuletzt so richtig wohlig-warm gefühlt? 


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