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Freitag, 30. August 2019

{Rezension} Washington Black ~ Esi Edugyan

 Rezension Washington Black Esi Edugyan
Washington Black | | Esi Edugyan | | eichborn | | Roman | | HC | | 512 Seiten | | 1/1

Die Flucht ist nur der Anfang... Barbados, 1830: Der schwarze Sklavenjunge Washington Black schuftet auf einer Zuckerrohrplantage unter unmenschlichen Bedingungen. Bis er zum Leibdiener Christopher Wildes auserwählt wird, dem Bruder des brutalen Plantagenbesitzers. Christopher ist Erfinder, Entdecker, Naturwissenschaftler – und Gegner der Sklaverei. Das ungleiche Paar entkommt in einem selbst gebauten Luftschiff von der Plantage. Es beginnt eine abenteuerliche Flucht, die die beiden um die halbe Welt führen wird.

Eine Geschichte von Selbstfindung und Verrat, von Liebe und Erlösung. Und eine Geschichte über die Frage: Was bedeutet Freiheit? 


Als ich dieses Buch in der Vorschau entdeckt habe, wollte ich es unbedingt lesen; es schien meinem veränderten Leseschema perfekt zu entsprechend. Tiefgründig, ernst und voller Kraft. Was soll ich sagen?! Lange ist es mir nicht mehr so schwer gefallen, eine Rezension zu schreiben.

Denn das Buch ist ernst und behandelt mit dem Rassismus des 19. Jahrhunderts ein denkbar aktuelles Thema. Das Leid und Elend, das Washington ertragen muss, die Ungerechtigkeit und Ausweglosigkeit - all´ das ist ergreifend und aufwühlend. Dann die unverhoffte Chance auf ein besseres Leben. Alle Ereignisse und Erlebnisse scheinen auf den einen Moment, das eine Gespräch, die eine Einsicht hinauszulaufen. Ein Crescendo. Das niemals kommt.

Und davor: Eine schleppende Handlung, die durch die Hoffnung auf kommende Dramatik das Interesse aufrecht erhält. Zwischendurch ein fast vollständiges Erliegen des Handlungsbogens; nur mühsam wird wieder Spannung aufgebaut. Bis alles mit dem Ende, wie ein Kartenhaus durch eine unachtsame Bewegung, zusammenbricht. Ich war enttäuscht; habe mich regelrecht betrogen gefühlt - nach 500 Seiten weiß ich einfach nicht, was mir diese vier Jahre aus dem Leben Washington Blacks sagen sollen. Kein Nachwort, keine historische Einordnung... was ist fiktiv, was nicht? Was war die Intention, die künstlerische Idee der Autorin? Ja, ganz platt formuliert: Warum sollte ich das Buch lesen; warum habe ich es gelesen?

»Das Unmögliche begegnet uns in dieser Welt selten, selbst jenen, die ihr Leben seiner Erforschung gewidmet haben.«

Halten zwar Teile des Buches die Abenteuerverheißungen von Cover und Klappentext durch unwahrscheinlich scheinende Reisen in exotische Regionen, enttäuschen andere durch Kleinstadtalltag und farblos bleibende Charaktere. Big Kit, Titch, selbst Tanna... sie alle bleiben trotz der Rolle, die sie für Washingtons Leben spielen, Randfiguren, facettenlose Skizzen, die kaum beleuchtet werden. Sie kommen und gehen; entwickeln dabei kaum bis kein Eigenleben. Peter und Titchs Vater... diese subtile Andeutung einer homosexuellen Beziehung, Big Kits Erlebnisse - so viel hätte noch ausgeführt werden und der Geschichte Tiefgang geben können. Stattdessen steht Wash ganz im Zentrum der Geschichte, verändert sich auch, bleibt jedoch ein Kind seiner Zeit - zwar überdurchschnittlich talentiert, aber dennoch wagt er den Aufbruch, den Bruch mit den Konventionen nicht. Die Geschichte war für mich weder motivierend wie Hidden Figures, noch durch Enttäuschung und Scheitern wie in The Green Book mahnend.

»Die Sklaverei ist ein moralischer Schandfleck, der uns alle besudelt. Wenn es eines gibt, das dem weißen Mann den Zutritt zum Himmel verwehren wird, dann das hier.«

Dürfte ich meine Bewertung, meine gesamte Rezension in einem Emoji ausdrücken, wäre das das große rote Fragezeichen. Ich schließe nicht aus, dass sich mir der große Sinn, die literarische Meisterleistung dieses Buches auch einfach nicht erschließt, ich sie nicht erkennen kann. Für mich ist die Geschichte allerdings unbefriedigend; eine Enttäuschung.

»Ich verstand, dass es auf unserem Planeten viele Arten zu leben gibt, dass es einen Verlust bedeutet, einen bestimmten Satz starrer Dogmen einem anderen vorzuziehen. Alles ist bizarr, und alles ist von Wert. Oder wenn nicht von Wert, so verdient es doch wenigstens, gründlich erforscht zu werden.«

Dabei ist das Buch unfassbar kraftvoll voller Präzision geschrieben, die Szenen sind greifbar, die erschreckende Gewalt und Ungerechtigkeit entfalten ihre Wirkung auf den Leser... aber es fehlt einfach der große Knall, das Abenteuer, welches das Cover verspricht und das aus der Aneinanderreihung von Begebenheiten eine runde Geschichte macht. Eine, bei deren Beendung man mehr fühlt, als ein großes Fragezeichen. Offene Enden sind per sé kein Problem (mehr) für mich - dieses jedoch war abrupt und hart; wirkte unabgeschlossen, unrund. Wenn die Autorin eine andere Geschichte erzählen würde, wäre dieses Buch mit seinem wundervollen Schreibstil und der ernsten Thematik ein absolutes Highlight - so war es verschwendetes Potential.


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[5/5] Ein bezauberndes Cover, eine großartige Haptik und eine gelungene Innengestaltung - dazu ein schlichter Titel; all´ das verspricht literarisch beste Unterhaltung.


 Washington Black eichborn Sklaverei Plantage Black lives matter Rassismus
VIELEN DANK AN LUEBBE FÜR DAS REZENSIONSEXEMPLAR

Trotz Thematik und gelungenem Schreibstil bleibt bei mir am Ende nur ein großes Fragezeichen, eine unbefriedigende Leere zurück. Die Deutschunterrichtsstimme in meinem Kopf fragt: Und was wollte uns der Autor damit sagen? Ich habe keine Antwort.

unbefriedigend ~ unspektakulär ~ offen

Wie steht ihr zu offenen Enden? Hattet ihr dieses irritierende Gefühl von Verständnislosigkeit und Enttäuschung beim Zuklappen eines Buches auch schon Mal? Oder den Eindruck, ein Buch wolle mit jedem Satz sagen "Guck mal, ich bin literarisch wertvoll!"?


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{mit einem Klick auf die Cover gelangt ihr zu den Rezensionen}
Eine Odyssee Ellin (Die) höchst wundersame Reise zum Ende der Welt The Tragedy of Othello, The Moor of Venice Reise um die Erde in 80 Tagen

6 Landgänge

  1. Schönen guten Morgen!

    Das Buch ist mir ja durch das Cover und die Beschreibung auch schon positiv aufgefallen, aber die Meinung dazu scheint sich doch sehr in Grenzen zu halten was Begeisterung betrifft ...
    Echt schade dass es so gar keine Spannung zu bieten hat, aber interessieren würde es mich trotzdem ^^

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Ahoi Aleshanee und dir ebenfalls einen guten Morgen!

      Ich glaube, das ist eines der Bücher, das man einfach selber lesen muss, um sich eine Meinung zu bilden - denn wie gesagt, wunderbarer Schreibstil, wichtige Thematik und es ist ja auch nicht langweilig im klassischen Sinne, eher aufregungslos, plätschernd. Und nicht, wie Cover, Klappentext und Lobrede versprechen abenteuerlich wie Jules Vernes...

      Bin gespannt, wie es dir gefällt, wenn du es irgendwann mal liest :)

      Liebe Grüße
      Ronja

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  2. Huhu Ronja! :)
    Ich ahnte ja schon, dass deine Rezension am Ende deutlich anders sein wird als meine. Schön, dass du so für dich treffende Worte gefunden hast! Und ich glaube, dieses Fragezeichen bei dir ist so auch gewollt. Denn wenn wir mal betrachten, was Wash während dieser langen Zeit tut, wohin er strauchelt, es ist nie die große Erfüllung für ihn, er ist nirgends wirklich angekommen. Im Rücken hat er immer die Schatten der Sklaverei, selbst wenn all das in der Vergangenheit liegt. Ich denke, dieses Buch soll eben keinen Himmelsflug nachzeichnen, es soll aber auch keinen knietiefen Fall vorweisen. Es will dir vielmehr zeigen, dass man als ehemaliger Sklave nur ein wenig Freiheit schnuppern konnte, dass es danach trotzdem kein Zuckerschlecken war, und das es aber dennoch immer irgendwie weiter geht, ja, weitergehen muss. Deswegen - vermute ich - auch dieses sinnbildliche Ende, an dem sich der Kreis zu Titch schließt, der doch ebenfalls nie anzukommen scheint.

    Alles Liebe! ♥
    Gabriela

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    1. Ahoi Gabriela,

      das ist eine sehr schöne Überlegung - danke, dass du sie mit mir geteilt hast! Das würde Sinn ergeben. Einfach ein wirklich schwieriges Buch!

      Liebe Grüße
      Ronja

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  3. Huhu,

    ich muss auch ehrlich gesagt zugeben, dass ich vor allem wegen des Covers deine Rezension dazu lesen wollte. Die wunderschöne Illustrationen verspricht eine tolle und vielleicht auch aufregende Abenteuergeschichte.
    Es ist wirklich schade, dass dir das Buch dies leider nicht bieten konnte. Ich persönlich habe eigentlich nichts gegen offene Enden, solange sie sinnvoll sind. Das dies hier für dich allerdings nicht der Fall war, kann man sehr gut aus deiner Rezension herauslesen. Echt schade, wenn das Buch nicht sein Potenzial ausschöpfen konnte, aber da denkt sicher auch jeder anders drüber ;)

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Ahoi Tina,

      ich muss gestehen, dass auch ich dem Cover erlegen bin und das Buch nur deshalb meine erste Aufmerksamkeit bekommen hat xD

      Ja, das hier ist definitiv eines dieser Bücher, wo Leser das Buch lieben oder hassen wegen ein und desselben Punktes... Muss man sich drauf einlassen und eben nicht Abenteuer á la Jules Vernes erwarten ^^

      Liebe Grüße
      Ronja

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