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Freitag, 2. April 2021

Warum Kolumbus (mit)verantwortlich ist ~ kritische Lektüre


Ahoi! Bücher über die Seefahrt oder zumindest mit maritimem Bezug - da landet man schnell bei Lektüre über "Entdecker". Mal ganz abgesehen davon, wie aufregend es als Leser*in ist, von Expeditionen und Reisen ins Ungewisse zu lesen - bei den meisten dieser schillernden historischen Persönlichkeiten lohnt sich ein zweiter Blick, ein kritischer. Meist männlich, weiß, gut betucht und aus Westeuropa brachen da nämlich nicht Hunz und Kunz und auch nicht unbedingt Pazifisten aus reiner Neugierde auf. "Entdecken", das ist ein imperialistischer Anspruch; zumeist eine Kriegserklärung an die rechtmäßige Bevölkerung "neuer" Gebiete. Ausbeutung at its best. Paradebeispiel Kolumbus oder Colón, wie er im spanischsprachigen Raum besser bekannt ist. Dass er nicht "Amerika entdeckte", nicht einmal der erste Europäer auf dem amerikanischen Doppel-Kontinent war, ist den meisten bekannt. Dass seine Fahrten auf der Suche nach unermesslichen Reichtümern die nahezu vollständige Auslöschung der indigenen Bevölkerungen, den Import von Krankheiten, den Sklavenhandel, die Ausbeutung von Mensch und Natur indirekt und direkt begründeten, wird jedoch häufiger mal - dem heroischen Bild des beginnenden Neuen Zeitalters zu Liebe - ausgeblendet. Und doch. Es kommt Bewegung in die Sache. Nicht erst seit den BLM-Protesten und Beschädigung/Stürzen/Abbau von Kolumbus-Statuen. 


Mich in Buchform nochmal genauer zu Kolumbus, seinem Leben und Wirken - aus kritischer Perspektive - zu informieren; dazu konnte ich also nicht nein sagen! Politik meets Seefahrt; yes please! Zwei Bücher möchte ich euch heute vorstellen: Kolumbus, der entsorgte Entdecker sowie Das Gold des Columbus.


Kolumbus, der entsorgte Entdecker || Wolfgang Wissler || Hirzel || historisch || HC || 
192 Seiten || 1/1

Ersteres Buch würde ich als erzählendes Sachbuch bezeichnen; ist es doch in Romanform erzählt und auch mit Fiktion ausgeschmückt, zugleich aber auch nüchtern und auf Ereignisse und deren Auswirkungen beschränkt. Von der ersten Seite an war ich gebannt vom bemerkenswerter Schreib- und Erzählstil; Wolfgang Wissler springt hier nicht nur zwischen Personen, sondern auch in der Zeit. Hauptaugenmerk des Buches liegt auf der letzten Reise des Kolumbus, dem politischen Kontext jener sowie den unrühmlichen Geschehnissen. Gleichzeitig werden aber auch Jugend, Werdegang und wichtige Stationen angerissen. Christoph wird als ambivalenter Mensch porträtiert; ein genialer Seemann und ausgezeichneter Motivator, zugleich aber auch von Gier und Egoismus getrieben. Ich empfand dieses Spannungsfeld gelungen ausgearbeitet; wie er seine Mannschaft zusammenhält und aufrecht zu ihr steht, zugleich aber vor Manipulation und Einschüchterung nicht zurückschreckt.

Diese Erzählung ist kein Tatsachenbericht, sondern eine Möglichkeit, wie verbriefte Ereignisse zueinander führten. Wie der Kontinent nicht nach Christoph, sondern Vespucci benannt wurde; wie die Überzeugung eines Einzelnen nicht nur Karten veränderte, sondern Leben. Unzählige auslöschte. Weder Amerigo noch Kolumbus stehen als Helden da; ersterer gar als Antiheld eines selbst nicht Unbefleckten.

Kurzweilig und unterhaltsam - vor allem aber informativ und differenziert; keine Glorifizierung und auch keine vollständige Negierung von Kolumbus´ Errungenschaften und deren Konsequenzen. Die Überquerung des Atlantiks als Leistung eines Überzeugten, eines Überzeugers und eines Entschlossenen; das Verhalten jedoch als Ausdruck eines Hochmütigen. Klare Leseempfehlung von mir.


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[4/5] Schlicht, aber ansprechend: Mir gefällt die Gestaltung, zumal sie zur nüchternen Erzählweise passt. Die stilisierte Karavelle findet sich zudem auf Buchrücken und als Absatztrenner wieder; auf solche kleinen Details stehe ich! Den provokanten Titel finde ich ebenfalls klasse.

Herzlichen Dank an den Hirzel Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

kritisch ~ sprunghaft ~ kurzweilig


Das Gold des Columbus || Christa-Maria Zimmermann || cbj || Kinderbuch || HC ||
352 Seiten || 1/1

Schon Eeeeewigkeiten in meinem Regal, empfand ich es als passend, nun endlich zu diesem Kinderbuch zu greifen. Erwartet habe ich wenig; einen naiven 13jährigen Protagonisten und einen heroischen Kolumbus, Herausforderungen aber vor allem unangenehm exotisierende Beschreibungen. Weit gefehlt! Das Buch ist überraschend anspruchsvoll. Bereits die Ausführungen zur Seefahrt der damaligen Zeit - die Hierarchie, die schlechte Versorgung und unhygienischen Lebensumstände sowie die harte Arbeit - überzeugten und überraschten mich. Pablo reift während der Reise, vor allem aber angesichts der brutalen und rücksichtslosen Verhaltensweisen "seiner" Leute, der Europäer gegenüber den Inselbevölkerungen. Dieses kindliche Unverständnis über offensichtlich unchristliches Verhalten, das in Pablo zu schwelen beginnt, steigert sich über die gesamte erschreckende Handlung; demoliert das strahlende Bild eines gottgesandten Admirals. 

Ich bin begeistert, wie hervorragend dieses Buch recherchiert ist; viele Ereignisse überschneiden sich nahezu Exakt mit den Schilderungen aus vorherigem Buch; Begriffe sind durch Fußnoten erklärt und in den Kontext gesetzt. Pablo wuchs mir zudem im Laufe der Handlung mehr und mehr ans Herz; ich fieberte mit und empfand die Geschichte durchweg als spannend - definitiv (auch) ein Buch für erwachsene Kinder!


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[3/5] Ich kann leider gar nicht in Worte fassen, was ich an diesem Cover unästhetisch finde; passend ist es jedoch auf alle Fälle! Die Titel klingt nach einem abenteuerlichen Kinderbuch; passt retroperspektiv jedoch hervorragend.

fesselnd ~ erschreckend ~ ergreifend

Mögt ihr Bücher über/aus der "Zeit der Entdeckungen"? Wie steht ihr zum Heldenkult, der um einige Figuren der Geschichte betrieben wird? Persönliche Erkenntnis aus diesen Büchern und früheren über die Seefahrt: Abgesehen von problematischen Intentionen und Auswirkungen der Fahrten von Kolumbus, da Gama, Magellan & Co, spielt auch der Zufall eine große Rolle. Sie mögen Genies ihrer Zeit gewesen sein, mutige Visionäre - aber dass genau sie es geschafft haben, liegt nicht nur an ihren Talenten. Viele sind See, Politik und Vergessen zu Opfer gefallen, die es genauso gekonnt hätten. Bei den eingeschränkten Navigationstechniken und Bootsbaukenntnissen ist es ein Wunder, dass überhaupt Leute angekommen (und zurückgekehrt) sind!


 Ähnliche Bücher in meiner Schatztruhe:
{mit einem Klick auf die Cover gelangt ihr zu den Rezensionen}
   

6 Landgänge

  1. Hallo liebe Ronja,

    hm, auch wenn heute eine große Diskussion angeleiert wird...wegen entdecken/erobern anderer Länder/Völker usw.

    Es ist ein fester Bestandteil unseres Lebens/Fortbestehens....selbst in den frühen Anfängen unsere Geschichte sind die Menschen..auf Entdeckungsreise gegangen..

    Und auch da hat man sich sicherlich nicht gut gegenüber den angestammten Bewohnern verhalten...

    Deshalb klar wurden immer wieder böse Fehler/viel Unrechtes gegenüber der angestammten Bevölkerung getan...aber so hat sich der Mensch/die Welt weiterentwickelt...

    Das ist nun mal so oder?

    Hm, auf der anderen Seite..wieso wurden "wir Europäer" eigentlich nicht von anderen Kontinenten mal besucht..?

    Provokant gefragt.....LG....Karin..

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    1. Ahoi Karin,

      danke für deinen ehrlichen & nachdenklichen Kommentar!
      Es scheint tatsächlich im Kern vom "Entdecken", egal zu welcher Zeit, zu liegen, mit Land und Leuten recht rücksichtslos umzugehen...

      Ein wunderbares Wochenende noch :)

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  2. Liebe Ronja

    Vielen Dank für diesen Beitrag, das sind Gedanken, die mich seit meiner Schulzeit beschäftigen und ich habe nie verstanden, weshalb Kolumbus und Co als "Entdecker" gefeiert werden, obwohl sie den "entdeckten" Gebieten nur Unglück gebracht und die Kultur deren Bewohner nachhaltig zerstört haben. Die Geschichtsbücher müssen definitiv umgeschrieben werden und ausserdem muss diese vorbehaltslose Verehrung dieser rücksichtslosen Männer endlich aufhören...

    Ganz liebe Grüsse an dich
    Livia

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    1. Amen, Livia :)
      Stimme dir absolut zu. Natürlich muss über Kolumbus gesprochen werden und es ist unbestreitbar, dass sein Leben (auch) Europas Geschichte massiv veränderte. Aber Fragezeichen müssen - auch etwa bei Luther (Stichwort Judenfeindlichkeit) - im Geschichtsunterricht und Diskurs gesetzt werden...

      LG Ronja

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  3. Ahoi Ronja,
    ein hervorragender Beitrag, den speicher ich mir mal gleich für den April Rückblick ab =D
    Kann dir auch nur in allen Punkten zustimmen und finde deine Empfehlungen sehr interessant.

    Ich finde es begrüßenswert, dass langsam mal ein Reflektieren und Nahcdenken über diese Zeit kommt, gleichzeitig müssen Personen wie Kolumbus nicht völlig verteufelt werden. Ein offener, reflektierender und differenzierender Blick ist hier sicherlich angebracht und das scheint ja bei diesen Büchern der Fall zu sein.

    Liebste Grüße, Sandra

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    1. Ahoi Sandra,

      ach wie lieb; danke dir!
      Und inhaltlich kann ich dir nur zustimmen; bei historischen Personen kann nicht alles mit "dem historischen Kontext" und "so war das halt" entschuldigt und übersehen werden, aber man muss die Menschen mit ihrer Zeit denken ^^

      LG & danke für deinen Besuch
      Ronja

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